Aufarbeitungsprozess Übergriffe durch USP-Mitglieder

Nachdem wir in den vergangenen Wochen bereits eine Vielzahl von Institutionen und Gruppen unserer Fanszene informiert haben, machen wir hiermit heute öffentlich, dass wir uns als Gruppe Ultrà Sankt Pauli aktuell in einem umfangreichen strukturellen Aufarbeitungsprozess befinden. Hintergrund ist die Tatsache, dass wir in der abgelaufenen Sommerpause erfahren haben, dass Mitglieder unserer Gruppe übergriffig geworden sind. Dabei geht es um unterschiedlich gelagerte Fälle sexualisierter, physischer und psychischer Gewalt sowie um Machtmissbrauch.

Jede einzelne dieser Taten verurteilen wir auf das Schärfste. Sie sind widerwärtig, verachtenswert, machen uns fassungslos und unendlich wütend. Es gibt keinerlei Rechtfertigung für ein solches Verhalten. Deshalb haben wir sämtliche Täter, deren Fälle abschließend bearbeitet wurden, mit einem lebenslangen Gruppenausschluss und weiteren Konsequenzen belegt.

Mit dem heutigen Statement übernehmen wir die Verantwortung dafür, dass Mitglieder unserer Gruppe diese Taten begangen haben. Denn obwohl wir diese Personen teils über viele Jahre hinweg gekannt und mit ihnen unzählige gemeinsame Stunden verbracht haben, konnten wir nicht verhindern, dass sie zu Tätern werden. Mit Verantwortungsübernahme meinen wir dabei nicht, dass wir alle Schuld tragen an den einzelnen Taten – diese Verantwortung liegt bei den Tätern. Wir haben weder weggeschaut noch vertuscht, sondern mit Bekanntwerden der Taten gehandelt. Verantwortung übernehmen wir aber für die lückenlose Aufarbeitung der Taten. Dazu stoßen wir eine Analyse der strukturellen Bedingungen an, um Möglichkeitsräume für die Zukunft möglichst zu schließen und eine bessere Prägung und Präventivarbeit zu gewährleisten. Unsere Aufgabe ist es, für ein hohes Sicherheitsgefühl in unserer Kurve und unserer Struktur zu sorgen und dieser Aufgabe widmen wir gerade unsere gesamte Aufmerksamkeit.

Uns ist bewusst, dass wir als Ultràgruppe in einem Umfeld agieren, das strukturell auf der einen Seite übergriffiges Verhalten begünstigt und auf der anderen Seite dessen Aufarbeitung sowie Aufklärung erschwert. Leistungsgedanke und Loyalität, aber auch Machtunterschiede und ein kritikwürdiges Männlichkeitsverständnis spielen in dieser Subkultur eine zentrale Rolle – auch in einer progressiven und linken Ultràgruppe wie unserer. Gerade deshalb muss es effektive und zielgerichtete Strukturen geben, um im Rahmen der Möglichkeiten einer subkulturellen Gruppe präventiv Fehlverhalten zu verhindern, aufzuklären und gleichzeitig Handlungsmöglichkeiten für Täter zu minimieren.

Die intensive Analyse der Fälle hat gezeigt, dass wir hier strukturelle Defizite und blinde Flecken haben, wodurch Schaden verursacht und Vertrauen verletzt wurde.

Aus diesem Grund haben wir uns in der Sommerpause entschieden, die Geschehnisse in einem umfangreichen Prozess aufzuarbeiten. Dieser verfolgt folgende Ziele: all jene Strukturen zu identifizieren, die Taten begünstigt haben könnten sowie ihre Aufarbeitung erschwert haben, Maßnahmen abzuleiten, die die Räume für solche Taten so eng wie möglich machen sowie durch Prägung, Sensibilisierung und Präventivarbeit das Themenfeld Awareness in all seinen Facetten breiter in unseren Strukturen zu verankern.

Dabei haben wir immer die teils ernüchternde Gewissheit, dass große soziale Zusammenhänge, ganz gleich wie progressiv sie sein mögen, immer auch Ort von Fehlverhalten werden können. Zusätzlich richten wir im Zuge des Prozesses unsere Awareness-Arbeit neu aus, um Hemmschwellen für Betroffene zu minimieren, eine effektivere Ansprechbarkeit zu gewährleisten und weiter für unsere Strukturen zu sensibilisieren.

Diesem Prozess gilt seit vielen Wochen und bis auf weiteres unsere volle Aufmerksamkeit. Als führende Gruppe der Südkurve St. Pauli spüren wir die große Verantwortung, diesen Aufarbeitungsprozess intensiv und gewissenhaft anzugehen sowie aus Fehlern und Schwachstellen der Vergangenheit zu lernen.

Wir haben uns entschieden, viele Alltagsaktivitäten merklich herunterzufahren, um diesen Themen gerecht zu werden; aber auch, bei Pflichtspielen des FC St. Pauli weiterhin organisiert aufzutreten und unsere Mannschaft optisch und akustisch zu unterstützen. Diese Entscheidungen waren das Ergebnis ausführlicher und teils kontroverser Diskussionen. Wir haben sie getroffen, um der Verantwortung gerecht zu werden, die einflussreichste und größte Gruppe der aktiven Fanszene des FC St. Pauli zu sein. Ein Auftritt im Stadion bedeutet für uns auch eine Verantwortungsübernahme: Wir möchten uns nicht verstecken, sondern präsent, ansprechbar und weiterhin sichtbar für unsere Überzeugungen eintreten. Gleichzeitig wollen wir aber auch nach außen zugänglich für Nachfragen, Anregungen und Kritik sein.

Der Prozess, in dem wir uns befinden, ist äußerst kräftezehrend. Seit Bekanntwerden der Fälle sitzen wir nahezu jeden Tag der Woche in unterschiedlichen Zusammensetzungen beisammen, um den hohen Ansprüchen von uns selbst sowie unserem Umfeld und der Fanszene gerecht werden zu können. Der aktive Support im Stadion ist für die Leute in unserer Fanszene auch die Möglichkeit, verloren gegangene Energie aufzutanken und neue Kraft für den anhaltenden Prozess zu finden.

Wir sind uns im Klaren darüber, dass die heutige Veröffentlichung sowohl von gegnerischen Fanszenen als auch medial aufgegriffen werden wird. Sicherlich bringt das neue Herausforderungen mit sich und wird weitere Ressourcen binden – und sicherlich werden weitere würdelose Tapeten kommen, die nichts weniger sind als ein Schlag ins Gesicht aller Betroffenen von Übergriffen.

Wir veröffentlichen diesen Text nicht, weil wir der Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig sind, sondern weil wir uns vor der Übernahme von Verantwortung nicht verstecken wollen.

Auch hoffen wir, mit diesem Statement nicht nur Verantwortung zu übernehmen und Transparenz zu schaffen, sondern zusätzlich Aufmerksamkeit auf ein Thema zu lenken, das viel zu oft tabuisiert und verschwiegen wird: Sexualisierte Gewalt und grenzüberschreitendes Verhalten machen keinen Halt vor den Stadiontoren und den aktiven Fanszenen dieses Landes. Sie finden auch und gerade hier flächendeckend statt.

Für uns ist dieser Umstand jedoch keine Ausrede dafür, nicht zu handeln. Im Gegenteil nimmt er uns in die Pflicht, uns der Arbeit an diesen Themen weiterhin zu stellen.

ULTRÀ SANKT PAULI, 28.AUGUST 2026

 

Von ULTRA` SANKT PAULI am 28. August 2026 10:45 in Infos